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2016-01-13

Nach dem Klimagipfel: Interview mit Germanwatch

Nach dem Klimagipfel: Interview mit Germanwatch
Oldag Caspar ist Teamleiter für Deutsche und EU-Klimapolitik der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch. Den Klimagipfel in Paris hat er mit begleitet. Mit mfm hat er über seinen Blick auf das Mammutevent gesprochen.

1. Der Klimagipfel von Paris wird von allen Beteiligten gefeiert. War er in Ihren Augen auch eine gelungene mediale Inszenierung? Was war gelungen/ misslungen?

Ja, auch die Journalisten haben in Paris gute Arbeit geleistet. Deutsche Redaktionen geben sich im weltweiten Vergleich zum Glück relativ viel Mühe, qualitativ hochwertig von den Klimagipfeln zu berichten und Korrespondenten zu den Verhandlungen zu schicken, die sich auskennen. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass lediglich die jeweiligen Länderkorrespondenten die Klimagipfel mit abdecken. Das muss nicht, kann aber schief gehen, weil die Klimaverhandlungen nun mal global der komplizierteste Verhandlungsprozess überhaupt sind.

2. Dominant waren während der Verhandlung die Bilder der auf dem Fußboden schlafenden Mitarbeiter. Nützen solche Bilder oder schaden sie eher in der Außenwirkung?

Aus unserer Sicht sind solche Bilder kein Problem, sofern die Kommentierung dazu stimmt. Denn damit zeigen die Kameras ja auch, wie extrem anstrengend die Verhandlungen für die meisten Beteiligten sind. Ich war selbst auf einigen Klimaverhandlungen. Kaum jemand, auch nicht aus den NGOs, kehrt von den Klimaverhandlungen gesund nach Hause zurück. Das Schlafdefizit ist krass, der persönliche Einsatz oft übermenschlich. Einen Eindruck von diesem Extremmarathon können auch solche Bilder von erschöpften Verhandlungsteilnehmern geben.

3. Der Klimawandel ist kein populäres Thema in den Medien. Was wird sich daran nach dem Klimagipfel ändern?

Aus unserer Sicht ist der Klimawandel nach wie vor ein Dauerbrenner. Über welche globalen Verhandlungen wird schon – wie jetzt aus Paris – mit Lifeblog wie von einem Weltmeisterschaftsendspiel berichtet? Außerdem dürfen wir nicht vergessen: Klimawandel ist viel mehr, als Klimakatastrophen und überkomplexe Klimaverhandlungen. Auch der Autoabgasskandal, der Umbau von RWE oder der Kohleausstieg sind Klimawandelthemen.

Es stimmt aber, dass es nach dem Verhandlungsfehlschlag von Kopenhagen 2009 bei den deutschen Medien erst mal den Kopenhagen-Blues gab. Über die Nachfolgegipfel wurde deutlich weniger intensiv berichtet. Klimaverhandlungen und generell Klima wurden für Manche in den Redaktionen zu einem depressiven Thema, von dem man lieber die Finger ließ. Diese Überreaktion der Medien auf das schlechte Ergebnis von Kopenhagen hat massiv dazu beigetragen, dass Klimaschutz ab 2010 von vielen Politikern – und allen voran die Bundeskanzlerin – nicht mehr als Gewinnerthema gesehen wurde. In Deutschland und Brüssel verfestigte sich zudem durch diesen medialen Klimablues bei Vielen in der Politik der Eindruck, dass die Klimaverhandlungen feststecken und wir in Deutschland uns beim Klimaschutz darum zurücknehmen sollten. Das war eine klare Fehleinschätzung, wie jetzt Paris gezeigt hat. Aber diese auch mediale Fehlinterpretation hat dazu geführt, dass sich Bundesregierung und EU nach Kopenhagen von ambitioniertem Klimaschutz vorerst weitgehend verabschiedet haben. Die deutsche und EU-Ambitionslücke hat dann reale bremsende Wirkung auf die internationalen Klimaverhandlungen gehabt. Verantwortlich dafür war mit einiger Wahrscheinlichkeit auch der vorübergehende Teilrückzug der Medien von den Klimaverhandlungen nach Kopenhagen.

Paris hat diese Situation grundlegend verändert. Ich lese jetzt viel weniger Medienbeiträge mit dem noch direkt vor Paris typischen fatalistischen Zungenschlag über die angebliche Unfähigkeit der Welt, den Temperaturanstieg noch halbwegs rechtzeitig zu begrenzen.

Die Medien tragen offensichtlich erhebliche Mitverantwortung für ein erfolgreiches Abbremsen der globalen Erwärmung und die dafür nötige zügige Dekarbonisierung Deutschlands. Darum würde ich mir in Deutschland von manchen Redaktionen auch langfristig noch etwas mehr Klimaschutzoptimismus bei gleichzeitiger unabhängiger kritischer Beobachtung von Emissions- und Sektorzielen sowie der entsprechenden Klimapolitiken wünschen.