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2016-04-14

Drei (+1) Fragen an Dursun Çelik, Chefredakteur der türkischen Zeitung Zaman Deutschland

Drei (+1) Fragen an Dursun Çelik, Chefredakteur der türkischen Zeitung Zaman Deutschland
Sie sind Chefredateur von Zaman-Almanya. Ihr türkisches Mutter-Blatt ist seit März unter staatlicher Zwangsverwaltung. Ihr Kollege, Süleyman Bağ, sagte unter anderem dem Deutschlandfunk, dass die deutsche Ausgabe der Zeitung unabhängig bleibt. Wie ist der Stand heute, wie sieht Ihre Arbeit aus und wie geht es weiter?

Zaman Deutschland erscheint weiterhin und kann ihre Arbeit unter der Verantwortung der Deutschlandredaktion fortsetzen. Das, was sie nicht kann und auch nicht will, ist die Zusammenarbeit mit dem unter staatliche Aufsicht gestellten Partnerkonzern in der Türkei. Dafür greifen wir verstärkt auf freie Mitarbeiter zurück und publizieren wie vor der Übernahme sechs Mal in der Woche die Deutschland-Ausgabe mit einem geringeren Umfang. Anstelle von 20 hat Zaman Deutschland nun 16 Seiten.

Der satirische Beitrag von Extra3, der den türkischen Präsidenten Erdogan auf die Schippe nimmt, hat zu diplomatischen Verwerfungen geführt. Das Schmäh-Gedicht von Jan Böhmermann hingegen rief auch in Deutschland eine kontroverse Debatte hervor. Wie haben Sie diese Debatten wahrgenommen?

Der satirische Beitrag von Extra3 thematisiert auf eine der Sendung eigenen Art die Probleme der Türkei und den zunehmend autokratischen Führungsstil Erdogans. Ein Politiker sollte offen für diese Art von Kritik sein. Ich finde die Kritik dieser Art berechtigt. Das Video hat ja erst nachdem Erdoğan persönlich aktiv wurde und die türkische Regierung den deutschen Botschafter vorgeladen hatte größere Aufmerksamkeit erfahren. Bereits 2014 hatte Extra 3 ja einen satirischen Beitrag über Erdogan veröffentlicht und dieser hatte bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erfahren wie der jetzige. Natürliche sollte man achtsam sein, die journalistische Sorgfaltspflicht einhalten und zwischen Satire und Angriffen auf Persönlichkeitsrechte unterscheiden. Egal, von wem es kommt und wer das Ziel ist; mit Beleidigungen erreicht man nichts, auch wenn es sich um Personen handelt, die kritikwürdig sind. Im Gegenteil: Man erreicht dadurch, dass sie sich zum Opfer stilisieren können und es schaffen, damit ihre Anhänger stärker an sich zu binden. Daher Satire und Ironie als journalistische Stilmittel ja, Beleidigung und Angriff auf Persönlichkeitsrechte nein.

Wie verfolgen die türkisch-stämmigen Menschen in Deutschland die Entwicklungen in der Türkei?

Dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan gelingt es seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 immer stärker, die türkische Gesellschaft nach dem Freund-Feind-Schema zu polarisieren und damit seine Stellung als starken Mann an der Spitze des Landes zu festigen. Dass diese unselige Methode die türkische Gesellschaft spaltet, gar ihre Existenz gefährdet, scheint ihn kaum zu interessieren. Das wirkt sich auch auf die Türken in Deutschland und ihren Blick auf die Türkei aus. Demzufolge stehen sich hier auch die fanatischen Befürworter und die Fundamentalkritiker Erdoğans gegenüber. Auch durch die Wirkung der regierungsnahen Medien, die in Deutschland publiziert bzw. empfangen werden können, gibt es eine größere Erdoğan-treue Gruppe. Einer der Gründe hierfür liegt auch in der Ausgrenzungserfahrung vieler Türken, die teilweise in Deutschland geboren sind. Sie orientieren sich lieber nach Ankara als nach Berlin. Erdoğan wendet sich an sie und erreicht sie mit seiner nationalistisch-emotionalen Rhetorik.

Wie schätzen Sie die Entwicklungen in der Türkei ein? Ist das Ende der Fahnenstange schon erreicht oder ist die Gängelung der Presse erst der Anfang?

Erdoğan steht eigentlich sowohl in der Türkei als auch international zunehmend unter Druck. Die Verhaftung von Reza Zarrab in den USA hat in regierungsnahen Kreisen in Ankara zu Panikstimmung geführt. Er ist eine Schlüsselfigur des Korruptionsskandals, der Ende 2013 an die Öffentlichkeit kam, jedoch weder politisch noch juristisch aufgearbeitet wurde.

Erdoğans antidemokratische Politik hat auch mit diesen Korruptionsermittlungen gegen sein engstes Umfeld zu tun. Er verhindert seitdem mit allen Mitteln, dass es zu rechtstaatlich einwandfreien Gerichtsverfahren kommt und richtet deshalb sogar Sondergerichte ein. Es scheint, als ob mit der Verhaftung Zarrabs in den USA die Korruptionsaffäre der Türkei eine internationale Dimension bekommt. Erdoğan, der als Staatspräsident zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet ist, missachtet die Verfassung und handelt de facto als Vorsitzender der regierenden AKP. Diese AKP ist nicht mehr die Hoffnungsträgerin für demokratische Reformen, die sie einmal gewesen ist, und von ihr erwarte ich auch in Zukunft nicht, dass sie auf den Pfad der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückkehrt.

Die Fehler und Missetaten, die sie vor der Öffentlichkeit verbergen muss, nehmen von Tag zu Tag zu. Das letzte Beispiel hierfür sind die Fälle von Kindesmissbrauch in AKP-nahen Einrichtungen, deren Aufarbeitung die Regierungspartei verhindert hat. Folge ist der zunehmende Druck auf die freien und kritischen Medien, die nicht einmal 20 Prozent der gesamten Medienlandschaft ausmachen. Erdoğan hat die Medien gleichgeschaltet. Kritische Medien hat er mundtot gemacht, ein wichtiger Teil der Presse ist ihm freiwillig gefügig geworden. Wie lange das Erdoğan-System existieren wird, ist schwer vorauszusagen. Aber ich hoffe, dass die Türken auf friedlichem und demokratischem Wege dem Treiben eines zunehmend paranoiden Autokraten ein Ende setzen. Dass er so stark geworden ist, hat auch mit der falschen Politik der EU und insbesondere Deutschlands zu tun. Die christdemokratische Regierung in Berlin, die seit 2005 die Türkeipolitik bestimmt, hat Ankara in der Zeit, als Erdoğan ernsthaft an einer Annäherung an die EU interessiert war, im Stich gelassen. Nun, da er alle demokratischen Grundrechte außer Kraft setzt, bekommt er Unterstützung von Angela Merkel. Bei allem Verständnis für die Abhängigkeit von Ankara bei der Lösung des Flüchtlingsproblems: das ist der falsche Weg.

Zu Dursun Çelik
Dursun Çelik blickt auf eine lange Karriere in der Medienbranche zurück. Unter anderem leitete er die Zeitschrift "Zukunft" und den deutschsprachigen Sender "Ebru TV". Heute ist er der Chefredakteur der türkischsprachigen Tageszeitung Zaman-Almanya und lebt in Berlin.
Geboren wurde Çelik in der türkischen Artvin und studierte in Istanbul Komminikationswissenschaften.