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2016-12-15

Die Digitale Transformation oder: Der alltägliche Irrsinn im Netz.

Die Digitale Transformation oder: Der alltägliche Irrsinn im Netz.
Blogger und Journalist Richard Gutjahr
Zürich, an einem sonnigen Dienstag im November 2016. Der See glänzt, ein Spaziergang wäre jetzt schön. Doch drüben, auf der anderen Stadtseite in Oerlikon, wartet das Symposion des Schweizer Harbour Clubs. Der Harbour Club, das ist die Vereinigung der 100 führenden Pressesprecher Schweizer Unternehmen. Und damit einer der einflussreichsten Vereinigungen der Schweiz. Der Harbour Club hat an diesem Tag führende Redner eingeladen, um mit den Gästen aus Medien, Unternehmen oder Agenturen über die digitale Zukunft unseres Lebens und Arbeitens zu diskutieren. Vorweg gab es ein Grußwort des Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann, der, sagen wir mal, auf ganz besonders schweizerische Weise seine Ansprache hielt.

Mehr in die Tiefe des Themas ging es dann mit Anke Domscheit-Berg, die aktuell in Deutschland für die Partei Die Linke zur Bundestagswahl antritt, und die zuvor als Lobbyistin für Microsoft in Deutschland tätig war. 

Zweiter und sehr interessanter Redner war der deutsche Blogger und Journalist Richard Gutjahr. Beide, Domscheit-Berg und Gutjahr, stellten dem Auditorium morgens ihre Thesen vor, die dann den ganzen Tag über diskutiert oder mit Praxisbeispielen unterlegt wurden. 

Die fünf wichtigsten Thesen des Symposiums waren: 

1. Die Zukunft des Netzes ist akustisch, nicht optisch.  Stichwort: Alexa 

2. Das Netz der Zukunft wird noch kleinteiliger und regionaler. Die völkerverbindende Idee schwindet. 

3. Rund 1/5 aller Posts werden bereits jetzt von Bots generiert (bei der Trump-Wahl, Maidan-Unruhen, Arabischer Frühling). Tendenz steigend. Doch das Netz schafft auch bereits Gegenmittel. 

4. Die künstliche Intelligenz (AI) ist noch nicht ausgereift. Siehe: Microsoft-Projekt TAY. Das musste nach neun Monaten wieder eingestellt werden, weil sich die User einen Spaß daraus machten, das lernende System zu manipulieren. TAY sollte mit jungen Usern kommunizieren, ihre Sprache lernen und intelligent antworten. TAY war aber am Ende ein absoult rassistischer Nazi und musste abgeschaltet werden.

5. Die digitale Revolution wird Arbeitsplätze vernichten; Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen muss deshalb geführt werden.

Politisch interessant war natürlich die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen. Die Schweiz hatte erst vor Kurzem über dessen Einführung abgestimmt und sich klar dagegen ausgesprochen. Auch in der Diskussion wurde deutlich die Frage gestellt: Warum sollen Milliarden-Unternehmen wie Facebook oder Google Arbeitsplätze vernichten und damit viel, viel Geld verdienen, die daraus entstehende Arbeitslosigkeit aber sollte dann der Staat mit einem Grundeinkommen auffangen? 

Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war dann die Vorführung eines Journalisten-Roboters, also eines Schreib-Roboters, den man versuchsweise auch selbst mit Texten füttern konnte. Fazit des Versuchs: Diese Roboter eignen sich momentan nur für sehr zahlen- und datenlastige Texte, wie beispielsweise Börsenberichte oder Sport- und Fußballergebnisse. Die Versuche den Roboter einen anderen Text schreiben zu lassen, endeten eher kläglich. Das aber wird nicht so bleiben. 

Auch wenn das Microsoftprojekt TAY vorerste gescheitert ist, es zeigt, dass es in Zukunft möglich sein wird, die vorhandenen Schreibroboter auf andere sprachliche Ebenen zu heben. Die Zukunft des Journalismus und der öffentlichen Meinungsäußerung ist also auf alle Fälle digital. Der Mensch muss sich seinen Platz in dieser Hierarchie neu – und vor allem bald – definieren.