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2017-03-16

Interview mit dem Kommunikations-wissenschaftler Prof. Dr. Joachim Trebbe

Interview mit dem Kommunikations-wissenschaftler Prof. Dr. Joachim Trebbe


Was sagen uns derzeitige Wahlumfragen über das Wahlergebnis aus? Wir haben bei Prof. Dr. Joachim Trebbe nachgefragt. Er ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Methodenentwicklung sowie Daten- und Medienanalyse.

1. In einem halben Jahr ist  Bundestagswahl, und am nächsten Sonntag wird im Saarland gewählt -  Wahlumfragen werden also immer wichtiger. Für die Kandidaten wie für Wähler. Aber was sagen Sie wirklich aus? Kann man davon ausgehen, dass Menschen in der Wahlkabine das wählen, was sie in Umfragen angeben?

Ein Leitsatz der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, lautet: Nicht „Jeder“ aber „Alle“. Das heißt, dass es bei Umfragen individuelle Effekte gibt, die das Ergebnis der Umfragen vom Wahlergebnis abweichen lassen. Z. Bsp. Sympathieffekte mit dem Interviewer, soziale Erwünschtheit oder Scham. Diese Effekte sind aber in der Regel klein und – vor allem – über alle Umfrageteilnehmenden zufällig verteilt und werden deshalb durch die große Zahl der Befragten nicht sehr stark ins Gewicht fallen.

Ganz anders sieht es natürlich aus, wenn sich große Teilgruppen der Gesellschaft solchen Umfragen verweigern und damit meine ich auch, bewusste Falschantworten geben. Dann sind diese Gruppen natürlich im Ergebnis der Umfragen nicht oder falsch repräsentiert.

2. Bei den US-Wahlen haben alle Demoskopen Hillary Clinton als Siegerin gesehen. Präsident wurde dann aber bekanntermaßen Donald Trump. Haben die Forschungsinstitute hier versagt?

In den USA waren vor allem zwei Phänomene zu beobachten.

Es wurden zum einen technische Fehler bei der Prognose gemacht. Häufig wurden die individuellen Stimmen der Wähler von Trump und Clinton landesweit gegenüber gestellt. Es wurde aber nicht berücksichtigt, dass nicht die individuellen Stimmen zählen sondern die nach Bundesstaaten gewichtete Abstimmung durch Wahlmänner. Hier gewann Trump, weil er in einigen Staaten mit hohen Bevölkerungszahlen gewonnen hat.

Zum anderen wurden in den Umfragen die kurzfristigen Mobilisierungseffekte unterschätzt. Die Anhänger der Demokraten haben einen Sieg von Trump nicht für möglich gehalten und sind im Zweifel eher nicht zur Wahl gegangen. Die Republikaner waren unsicher, ob Trump gewinnt, aber hielten den Sieg nicht für unmöglich. Da wurden mehr Wähler mobilisiert, doch noch zur Wahl zugehen.  

3. Inwieweit beeinflussen Wahlumfragen das Wählerverhalten der Bürger?

In den Politik- und Kommunikationswissenschaften geht man durchaus von Wirkungen der Umfragen auf das Wahlverhalten aus. Prognosen sind ein Reflexionsorgan für viele gesellschaftliche Gruppen. Die Veröffentlichung von Wahlumfragen erlaubt den Wählern, sich strategisch zu verhalten, also etwa eine Partei wegen geringer Erfolgsaussichten nicht zu wählen, obwohl sie am besten zu den eigenen Präferenzen passt oder eine kleine Partei zu wählen, um eine absolute Mehrheit für die Regierungspartei zu verhindern. Das sind aber vor allem Mobilisierungseffekte, also in erster Linie Wirkungen auf die Wahlbeteiligung und weniger auf die konkrete Entscheidung für einen Kandidaten oder eine Partei. Da aber die Mobilisierungseffekte meistens unterschiedlich auf die Parteilen verteilt sind, profitieren die einen eben stärker als die anderen. Insbesondere die Prognose einer knappen Entscheidung führt in der Regel zur höherer Wahlbeteiligung. Es gibt aber auch Effekte, die etwa den Wunsch nach der Zugehörigkeit zu den „Gewinnern“ beschreiben. Wähler also derjenigen Parteien ihre Stimme geben, der sie den Sieg zutrauen.

4. In Großbritannien und den USA gibt es Wahlumfragen quasi bis in die Wahlkabinen hinein. Bei uns gibt es dagegen Deadlines. Die ARD veröffentlicht 10 Tage vor der Wahl keine Umfrageergebnisse mehr, das ZDF drei Tage vor der Wahl. Warum?

Ich halte eine gewisse Zurückhaltung für angemessen, andererseits haben die öffentlich-rechtlichen Sender heute nicht mehr die Funktion als einzige oder hauptsächliche Informationsquelle. Interessierte Wähler können sich heute aus einer Vielzahl anderer Quellen über Prognosen und Wahlumfragen informieren. Da ist für die Öffentlich-Rechtlichen wirklich zu überlegen, als besonders glaubwürdige Quelle bis zum Schluss „am Ball zu bleiben“.

5. Die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz hat viel Bewegung in die Umfragen gebracht. In einigen Umfragen hat die SPD sogar die Union überholt. Halten Sie das für eine nachhaltige Entwicklung oder einen Strohfeuer-Effekt?

Da traue ich mir keine Prognose zu. Nicht zuletzt deshalb, weil das extrem davon abhängt ob es der SPD und Schulz gelingt diesen Aufmerksamkeits- und Sympathieschub zu nutzen. Kandidatenimages werden in Wahlkämpfen immer wichtiger, aber ohne die Verknüpfung mit besonders relevanten Themen und gesellschaftlichen Problemen sind sie letztlich (noch) nicht wahlentscheidend – vielleicht einmal abgesehen vom Amtsbonus („Sie kennen mich“) von dem Schulz aber gerade nicht profitieren wird. Er distanziert sich ja zum Teil auch von der großen Koalition.

6. Wenn Sie in Zeitungen Berichte lesen, die Umfrageergebnisse aufgreifen: Gibt es Dinge, die Sie stören?

Ja. Die Berichterstattung über Wahlumfragen ist häufig unvollständig und journalistisch nicht reflektiert. Wichtige Details zur Beurteilung der Qualität einer Prognose werden nicht berichtet. Auch kleinste Unterschiede in der Zeit oder zwischen den Parteien werden überinterpretiert. Es sollte Standards für die Berichterstattung über Umfragen geben: Etwa die Fallzahl der Befragten, den Befragungszeitraum oder die Fehlergrenzen, in denen hier Prozentwerte für Parteien/Kandidaten geschätzt werden. Das wird beispielsweise so gut wie nie angegeben.

7. Es gibt auch immer mehr Online-Umfragen. Gerade ein Teil der älteren Bürger sind davon ganz ausgeschlossen und Mehrfachteilnahmen können auch nicht ausgeschlossen werden. Haben Online-Umfragen deshalb überhaupt eine Aussagekraft?

Online-Umfragen sind eine gute Möglichkeit, Daten in festgelegten, überschaubaren Gruppen zu erheben, etwa wenn es um die Abonnenten eines Mediums oder Nutzer eines Online-Anbieters geht. Für repräsentative Bevölkerungsumfrage eignen sie sich aus den genannten Gründen nicht. Deshalb sollte man als Leser immer genau hinschauen, wer hier stellvertretend für welche Gruppe befragt wurde.