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2017-07-04

Kommunikationstrend Juli

Kommunikationstrend Juli
Nun also Framing - Vom Steuern zahlen in Deutschland

Fangen wir doch mit dem Steuer-Konzept der SPD an, das Martin Schulz dieser Tage vorgestellt und viel Lob dafür bekommen hat. Es geht unter anderem darum, Menschen vom Solidaritätszuschlag und von Steuern zu entlasten. Es geht um ein Entlastungsvolumen von 10 Mrd. Euro. Da ist von Steueroasen die Rede, für die eine "schwarze Liste" angefertigt werden soll. Weiter spricht das Wahlprogramm von Steuervermeidung und Steuerhinterziehung, die bekämpft werden sollen. 

Kommt Ihnen das bekannt vor? Natürlich. Wahrscheinlich haben Sie solche Begriffe in Verbindung mit Steuern in Deutschland  schon hundert Mal gehört, hundert Mal gelesen und sich – was dabei gedacht? Darüber können wir hier natürlich nur Vermutungen anstellen – aber wir wissen ziemlich sicher, was Sie dabei GEFÜHLT haben: leichte Angst vor dem Finanzamt (auch wenn Sie immer brav Steuern bezahlen), ein gewisses Unwohlsein, wenn Sie an Ihre Steuererklärung denken (obwohl alles in Ordnung ist). Ja? Richtig?

Daran ist die deutsche Sprache schuld.  

Steuern in Deutschland – das wird vor allem verbunden mit Lasten jeder Art: SteuerBELASTUNG, SteuerLAST, SteuerENTLASTUNG, SteuerBÜRDE. Es wird verbunden mit einer Menge krimineller Attribute und damit, dass Steuerzahler GEMOLKEN, oder dass Steuersünder GEJAGT werden! STOP: Bitte einen Moment nachdenken: Wir jagen also – wenn auch nur verbal – Menschen. Wegen Steuerhinterziehung. Darüber sollten wir nachdenken. 

Und ja, Sprache wirkt. Denn das ist noch nicht alles. 

Der Steuerzahler ist die Melkkuh der Nation und ihm bleibt quasi nur die Flucht – denn das ganze Szenario wird als bedrohlich wahrgenommen, quasi als existenzgefährdend erfühlt. Steuern zahlen in Deutschland ist eine Jagd. Oder eine (Steuer-)FALLE. Und manchmal wird man dabei auch GETROFFEN (beispielsweise durch indirekte Steuern). 

Was wir da mit der deutschen Sprache machen – und sie mit uns – nennt sich "Framing". Das heißt, einen Begriff, ein Wort "einrahmen", in einen Bedeutungszusammenhang stellen. In unserem Beispiel also: Steuern = Jagd, Falle, Flucht. Last. 

Die Aufmerksamkeit, die dieser Begriff derzeit bekommt, verdanken wir vor allem Elisabeth Wehling, Linguistin der Universität Berkeley (Ja, stimmt, in diesem Newsletter wimmelt es von Berkeley). Mit ihrem aktuellen Buch: "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht", hat sie dem eigentlich schon alten Begriff "Framing" zur Weltkarriere verholfen. Natürlich auch deshalb, weil das Buch rechtzeitig zur Trump-Wahl und zur Bundestagswahl erschienen ist und die politische Sprache untersucht.

Der Begriff ist alt – was ist dann neu am Buch? Nun, es fasst die Ergebnisse der modernen Hirnforschung zusammen. Diese wiederum kann nun endlich belegen, was Kommunikationswissenschaften und Verhaltensforschung schon lange beobachten und festgestellt haben – aber eben nur beschreiben konnten:  

Erstens: Worte wirken – abhängig von ihrem Kontext. Zweitens: Wir denken nicht in einzelnen Worten, sondern in Bedeutungszusammenhängen. Wir denken also nie das Wort "Steuern" alleine, sondern denken den oben beschriebenen Kontext immer mit. Das hat Drittens, den Effekt, dass wir auch körperlich (unbewusst) auf Worte reagieren. Das bekannteste Beispiel ist das von den beiden Studentengruppen. Eine Gruppe bekam eine Geschichte vorgelesen, in der Worte wie "langsam", "alt", "ruhig", "Schildkröte" vorkamen; die andere Gruppe bekam eine Geschichte vorgelesen, in der es um das Thema "jung", "Wettkampf", "aktiv" ging. Dann wurde gemessen, wie lange jede Gruppe brauchte um eine bestimmte Strecke zurück zu legen. Ergebnis: Die Studenten mit der "langsamen" Geschichte brauchten signifikant länger dafür, als die Gruppe mit der "schnellen" Geschichte. 

Unser Körper denkt also physisch mit. Wenn wir eine Geschichte hören, wie jemand einen Hammer in die Hand nimmt, dann, so Elisabeth Wehling, "feuern unsere neuronalen Schaltkreise... in einem Bereich (unseres Gehirns), der für das Planen von Bewegungen zuständig ist." Wir simulieren die Bewegung einen "Hammer halten" unbewußt mit. Dadurch werden wieder Gefühle, Gerüche und unser Tastsinn angeregt. 

Wir HÖREN Worte also nicht nur, sondern SPÜREN sie. 

Das ist tatsächlich eine bahnbrechende Erkenntnis. Kehren wir damit zurück zum Steuerkonzept der SPD. Wie könnte eine Welt aussehen, in der wir eine SteuerFREUDE hätten, SteuerLIEBHABER, oder SteuerVERANTWORTUNG? Kurzum, wenn wir auch über Worte klar signalisieren würden, dass Steuern zum Wohle der Gemeinschaft gezahlt werden und damit Kitas, Schulen, Kindergärten oder der Breitband-Netzausbau finanziert werden? Also, dass wir uns eigentlich mit Steuern zahlen selbst belohnen und dass das eine gute Sache ist. 

Und was wäre das für eine Welt, in der Worte wie "Flüchtlings-WELLE" oder "Flüchtlings-TSUNAMI" nie erfunden worden wären? Also, achten Sie auf Ihre Worte. Sie wissen jetzt: sie wirken. 

Isabella Pfaff