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2017-10-28

Warum Christian Lindner die Sondierungsgespräche öffentlich macht

Warum Christian Lindner die Sondierungsgespräche öffentlich macht
Um 23:34 Uhr, 24. Oktober, twitterte Christian Lindner live aus den Sondierungsgesprächen zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen. Ein Papier, dass man noch vor wenigen Jahren nur unter der Hand bekommen hätte. Eine erste Einigung über Eckpunkte zum wichtigen Thema Finanzen, Haushalt, Steuern. Und die Botschaft lieferte Lindner gleich mit: finanzpolitische Trendwende.

Am nächsten Morgen im Deutschlandfunk konnte man praktisch hören, wie sich der Korrespondent Theo Geers die Augen reibt. Er erinnerte sich an die Koalitionsgespräche im Jahr 2013. "Es war wirklich schwer für uns Journalisten damals hier in Berlin zu erfahren, was wird in den einzelnen Arbeitsgruppen zwischen Union und SPD damals vor vier Jahren verhandelt. Und heute wird das alles freimütig durch die Welt getwittert. Das ist eher ungewöhnlich und das ist auch neu."

Freie Information erschwert die Arbeit von Journalisten und Lobbyisten

Der scheinbar freie Umgang mit Informationen ändert das Geschäft derjenigen, für die Informationen zum täglich Brot gehören: für Journalisten und Lobbyisten. Ihnen fehlt plötzlich der Vorsprung. Bisher hatte es grundsätzlich gereicht, ein Papier möglichst früh zu bekommen, um mit dem Exklusiv-Wissen hausieren und handeln gehen zu können. Wenn das Wissen nun jeder hat, wird der Job anspruchsvoller. Wertvoll ist nun derjenige, der die Informationen einordnen und bewerten kann. Und hierfür reicht nicht mehr nur ein gutes Netzwerk. Dafür braucht es Fachwissen und Erfahrung. Und es braucht vor allem Zeit.

Auf die Schnelle noch ein bisschen Deutungshoheit

Genau diesen Umstand machen sich Politiker wie Christian Lindner zu nutze. Wenn sie ein "geheimes" Papier veröffentlichen, haben sie für eine gewisse Zeit die Chance, die Deutungshoheit zu erlangen. Es gibt keinen Filter zwischen Sender und Empfänger. Das ist eine ganz besondere und eine recht neue Macht. In den USA hat sie Donald Trump schon zur Perfektion gebracht, indem er über seinen Twitter-Account mehr Menschen erreicht als die meisten Fernsehsender. So entstehen Parallelöffentlichkeiten.

Christian Lindner ist noch nicht so weit. Seine rund 210.000 Twitter-Follower verblassen gegen die 41,3 Millionen des amerikanischen Präsidenten. Allerdings kann man davon ausgehen, dass ein Tweet wie der oben gezeigte nicht spontan kam. Er war mit einiger Sicherheit zwischen den künfitgen Koalitionspartnern abgesprochen. Alles andere würde einen Vertrauensbruch bedeuten und die Gespräche ernsthaft belasten. Das kann sich Christian Lindner nicht leisten. Um so wichtiger ist es, diesem kalkulierten Traditionsbruch kritisch gegenüber zu stehen. Man bekommt keine Informationen aus erster Hand, auch wenn es einem das Medium Twitter nahe legt. Man weiß nach einem solchen Tweet nicht viel mehr als vorher. Außer eines: Man weiß, was Christian Lindner einen wissen lassen wollte. Die nächste Fragen müssen dann lauten: Warum? Und – cui bono?

Von Christopher Hauss, @ChHauss