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2018-04-10

Drei Fragen an Prof. Dr. Stefan Nägele

Herr Nägele, können Konzerne heute noch Verantwortung tragen?

Drei Fragen an Prof. Dr. Stefan Nägele
Das Thema Verantwortung stand im letzten halben Jahr im Mittelpunkt einiger politischer Grundsatzentscheidungen. Martin Schulz hat damit erst den Gang der SPD in die Opposition begründet. Man müsse dort Verantwortung als größte Oppositionspartei übernehmen. Danach brach die FDP die Koalitionsverhandlungen mit dem Hinweis ab, Verantwortung für die Durchsetzung des eigenen Programms zu tragen. Und nach dem Rücktritt von Martin Schulz ("übernehme Verantwortung") war es schließlich wieder die SPD, die nun ihre Mitglieder wohl auch deshalb zu einer Zustimmung  bewegt hat, weil man Verantwortung für eine stabile Regierung übernehmen möchte.

In deutschen Konzernen widerum ist Verantwortung nicht erst durch Diesel-Manipulationen in aller Munde, sondern beispielsweise durch CSR-Richtlinien fest im Unternehmensrecht verankert. Wir haben deshalb einen der führenden deutschen Arbeitsrechtler, Prof. Dr. Stefan Nägele, gefragt, wie die Verantwortung in deutschen Konzernen gelebt wird. Prof. Nägele berät Unternehmen, Vorstände, Geschäftsführer, Aufsichtsräte und leitende Führungskräfte. Ein besonderes Augenmerk gilt der strategischen Beratung, der Durchsetzung und Abwehr von Haftungsansprüchen und der Beratung von Compliance-Systemen und -Sachverhalten.




1. Herr Prof. Nägele, wie ist es um das Thema Verantwortung in den deutschen Konzernen bestellt?



Wenn wir uns den Dieselskandal oder die unzähligen Kartellverstöße ansehen, scheint es mit der Verantwortung nicht weit her zu sein. Solche „Großereignisse“ dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles erreicht wurde, z.B. in Bezug auf die Förderung der Frauen, die Integration schwerbehinderter Mitarbeiter und bei der kulturellen Vielfalt. Wenn es aber um das Eingemachte geht, wird getrickst wie eh und je. Das rechtliche Dürfen tritt in den Hintergrund, die Überheblichkeit vieler Unternehmen, die Regeln selbst zu definieren, ist keine Seltenheit.




2. Welche Strukturen ermöglichen diese "Kultur der Verantwortungslosigkeit"?

Einsicht ist nicht zu erwarten. Nur harte Sanktionen helfen. Der mannigfache Verstoß gegen die Regelungen des Arbeitszeitgesetztes stört die Behörden nicht. Es geht aber um die Gesundheit der Mitarbeiter. Diskriminierung wird mit geradezu lachhaften Summen durch die Gericht geahndet. Hier liegt es am Gesetzgeber spürbare Entschädigungszahlungen festzulegen. Die Digitalisierung – man kann es schon gar nicht mehr hören – führt zur ständigen Erreichbarkeit, für den Einen eine lästige Pflicht, für den Anderen die Chance sich außerhalb des Büros weiter zu profilieren. Egal, die Grenze zwischen Arbeit und Privatem verschwimmt. Die Arbeitgeber nehmen dies gerne hin, viele Arbeitnehmer halten diesem dauerhaften Druck nicht stand. Hier tun klare Regelungen Not, nicht nur auf dem Papier. Compliance wird groß geschrieben, regelgerechtes Verhalten von den „Soldaten“ eingefordert, die „Offiziere“ tanzen unterdessen im Casino.




3. Was müsste sich ändern, damit Konzerne und ihre Mitarbeiter wieder verantwortlich handeln können?

Verantwortung delegieren, Anerkennung herstellen. Ich stelle fest, dass in großen Unternehmen dem Einzelnen keine wirkliche Verantwortung mehr übertragen wird. Dadurch stirbt Eigeninitiative und das Interesse am Ergebnis ab. Mitarbeiter, die eigenverantwortlich handeln dürfen und für das Ergebnis anerkannt werden, entwickeln deutlich mehr Potential und Interesse an der Aufgabe. Weg von der kleinteiligen Anweisung für die Interpunktion zu sorgen, sondern für den gesamten Text den Kopf hinhalten.