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2018-10-10

Drei Fragen an Süleyman Bag, Stiftungsratsmitglied des "House of One" in Berlin

Drei Fragen an Süleyman Bag, Stiftungsratsmitglied des "House of One" in Berlin
©Süleyman Bag
Das "House of One" ist ein Haus des Friedens, der religiösen Verständigung und der interdisziplinären Lehre, das am Petriplatz in Berlin errichtet wird. Das besondere dabei ist, dass es die drei Weltreligionen unter einem Dach vereint - das Judentum, Christentum und den Islam. Es ist ein Ort des Dialogs, des Gebets und des Respekts, in dem die theologischen Gegensätze nicht überspielt, sondern ausgehalten werden. Uns hat dieses einzigartige Projekt fasziniert und wir freuen uns über das Interview mit Süleyman Bag, der Stiftungsratsmitglied des "House of One" ist.

Mehr Informationen zu dem House of One finden Sie hier: www.house-of-one.org/de

Herr Bag, Sie sind Stiftungsratsmitglied des "House of One“, wie kam es eigentlich dazu?

Träger des "House of One" sind Berliner muslimische, christliche und jüdische Gemeinden und Vereine. Ich bin vom muslimischen Partner des Projektes, dem Forum Dialog, während der Gründung der Stiftung 2016 für die Mitgliedschaft in den Stiftungsrat empfohlen worden. Die Gründer der Stiftung sind dieser Empfehlung gefolgt und haben mich gemeinsam mit elf anderen Personen in den Stiftungsrat gewählt.

Auf der Internetseite wird das "House of One" als ein Ort des Friedens und der religiösen Verständigung beschrieben. Wie wollen Sie die Personen erreichen, die nicht selbst die Nähe zu anderen Religionen suchen, sondern eher skeptisch oder gar ablehnend sind?

Es ist uns bewusst, dass Religionen in der Geschichte und Gegenwart für unterschiedliche Zwecke instrumentalisiert und sehr oft als Legitimation für Unrecht und Gewalt eingesetzt werden. Daher ist die Skepsis verständlich. Die Engagierten von "House of One" sind sich dieser Situation bewusst und haben daher in das Bauprojekt neben den drei religiösen Räumlichkeiten, einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee, den „Vierten Raum“ vorgesehen. Dieser dient als ein Ort, an dem das Gespräch mit ALLEN gesucht werden soll, die unabhängig von ihrer Weltanschauung an einer friedlichen Koexistenz interessiert sind. Menschen, egal aus welcher Ecke der Welt, die an dem Projekt mitwirken wollen, stellen wir nicht die Frage „Woran glaubst Du?“

Was war die bisher schönste Erfahrung seit der Eröffnung des „House of One“?

Es sind so viele! Ich war in diesem Jahr mit einer House of One-Gruppe auf Einladung einer christlichen Gemeinde in Tifilis in Georgien. An einem Sonntag haben wir als Muslime an dem Gottesdienst der Gemeinde teilgenommen.

Ich bin vor dem Beginn des Gottesdienstes gemeinsam mit den christlichen Geistlichen durch den Hauptgang der Kirche in den vorderen Altarbereich hineingegangen, nachdem die Gemeinde bereits Platz genommen hatte. Als House of One-Gruppe saßen wir dann direkt gegenüber von dem Chor, so dass ich mich quasi mitten im Geschehen befand. Da meine Vorfahren vor über 150 Jahren aus Georgien in die Türkei ausgewandert waren und wir die georgische Sprache in der Familie soweit es geht gepflegt haben, konnte ich einiges von dem, was in den Gebeten gesprochen wurde, heraushören.

Mein Staunen setzte an der Stelle an, als der Chor arabische Lobpreisungen Gottes, wie z.B. Subhanallah, die ich aus meinen täglichen muslimischen Gebeten kenne, vortrugen. Sie trugen es nicht im Form von Rezitation, so wie wir Muslime es tun, vor, sondern passten es der christlichen Liturgie an, so dass man genau zuhören musste, um sie zu verstehen. Der Höhepunkt des Gottesdienstes war für mich erreicht, als der Chor ein sehr berühmtes Zitat des türkisch-muslimischen Sufi-Meisters, Dichters und Humanisten Mavlana Dschalaleddin Rumi (1207-1273) sang. Auf Georgisch begann das Zitat mit den Worten „Moi, Moi...“ (dt. Komm, komm..). Den Rest verstand ich zwar nicht wörtlich. Doch ist das Zitat von Rumi, über das man nicht zu 100 Prozent sicher ist, ob es tatsächlich von ihm stammt, so berühmt, dass ich nur noch begeistert dem Chor lauschte:

„Komm! Komm! Wer du auch bist!
Wenn du auch Götzendiener oder Feueranbeter bist.
Komm wieder! Dies ist die Tür der Hoffnung, nicht der Hoffnungslosigkeit.
Auch wenn du tausendmal dein Versprechen gebrochen hast.
Komm! Komm wieder!“

Ein anderes wunderschönes Erlebnis war meine Reise in die Zentralafrikanische Republik (ZAR) zum muslimischen Opferfest als Mitglied einer kleinen House of One Delegation. Wir hatten als Angehörige der drei abrahamtischen Religionen dazu aufgerufen aus Anlass des Opferfestes für Bedürftige in ZAR zu spenden, weil wir mit Religionsvertretern dieses zentralafrikanischen Landes seit über zwei Jahren zusammenarbeiten.

Von der Spendensumme wurden dann in der ZAR Hilfsgüter gekauft und vor Moscheen, Kirchen und Waisenhäusern verteilt. Auch die Stadtverwaltung von Bangui, der Hauptstadt von ZAR, hat sich an der Aktion beteiligt. Soweit ich weiß kommt es zum ersten Mal in der Geschichte vor, dass die Angehörigen der drei monotheistischen Glaubensgemeinschaften gemeinsam aus Anlass eines muslimischen Festes zu Spenden aufrufen und diese Summe an ALLE bedürftige verteilen. Auch hier wurde nicht gefragt „Woran glaubst Du?“